Veröffentlicht am Do., 16. Apr. 2020 15:00 Uhr

Der Regierende Bürgermeister schreibt es „an alle Berliner Haushalte“: „Und vor allem: Halten Sie einen Abstand von mindestens 1,5 Metern zu anderen, so schwer es auch fällt.“
"Das „Haus der Kulturen der Welt“ (HKW) sagt per Zeitungsanzeige dies: „Haltet zusammen mit ein bisschen Abstand.“

Und ich lese gerade dies in einem Buch mit dem Titel „Kommt ein Syrer nach Rotenburg (Wümme). Versuche, meine neue Heimat zu verstehen“: „Das Wortpaar ‚zusammen führen‘ bietet eine Alternative: Wir dürfen ein bisschen voneinander

entfernt stehen. Wir halten Abstand zwischen uns, um uns besser zu sehen, übernehmen gemeinsame Verantwortung. In diesem Abstand sehe ich in Eurem Land die deutschen Werte und wie sie hier gelebt werden. Und im Gegensatz zu den meisten Arabern nutzen viele Deutsche diesen Abstand in der Auseinandersetzung wie auch in der Liebe.“ (so der Autor auf Seite 66 – schön gesagt; zu schön solche All-Aussagen?)

Diese Zeilen schrieb Samer Tannous (mit seinem Ko-Autor Gerd Hachmöller) in seinem Buch, das im März 2020 erschien, also in der europäischen Vor-Corona-Zeit. Im Herbst 2018 begann Samer Tannous seine online-Kolumne unter dem Titel „Kommt ein Syrer nach Rotenburg (Wümme)“ bei „SPIEGEL +“ (wie er auf Seite 14 notiert) und bis 2018 lieferte er 20 Wochen lang Erlebnis-Berichte in der „Wümme-Zeitung“.

Ich las nun sein Buch gewissermaßen ‚lokalpatriotisch‘, lebensgeschichtlich, bin ich doch ein gebürtiger Rotenburger, der jedoch in den 1960er Jahren zum Studium nach Berlin kam und bei der politisch sehr liberalen Frau Irmgard Haehnel am Südwestkorso zur Untermiete wohnte, und seit Anfang der 1980er berufsbedingt – wieder - in Berlin-FriedeNOW! lebt. UND: Nun finde ich in DIESEM Buch zu „Rotenburg (Wümme)“ etwas zu Verhaltensweisen, die aktuell ‚angesagt‘ sind – Stichwort: Abstand! Wenn ich dieser Tage einige Schritte durch die Bundesallee mache, dann halte ich, dann halten wir Abstand – und zugleich Nähe, merke ich; denn wir (FußgängerInnen, RadfahrerInnen, Straßenüberquerende, an der Ampel Wartende …) schauen uns an, schauen uns zu, zwinkern uns (an-)erkennend zu, fast als kennten wir uns bereits seit langem … Und die Blicke gehen hin und her: Augenblicke bilden eine Augenbrücke (Sorry, das Wortspiel! Aber: 1990 war ich mal bei einer Konferenz im Zeiss- Planetarium an der Prenzlauer Allee und deren Thema lautete: „Der soziale Klang der Geste“! Paßt doch!?!).

Der Autor Samer Tannous aus Syrien (übrigens syrischer Christ, wie er anmerkt) zitiert im Anschluss an die Stelle, die ich oben angeführt habe, einen Philosophen (und Autor und Künstler) und setzt damit seinen (und meinen) Beobachtungen – wie ich finde – einen  wunderbaren Akzent: „Der Philosoph Khalil Gibran gab uns den guten Tipp: ‚Wenn ihr euch liebt, lasst immer einen Abstand zwischen euch, damit der Wind des Respekts zwischen euch wehen kann‘.“ (Seite 66) Ich empfinde dies: Nicht nur schön gesagt, auch sehr zustimmungsfähig (für mich) und lebenspraktisch dazu; denn mein DUDEN-Fremdwörterbuch von 1966 übersetzt mir „Respekt“ mit „das Zurückblicken, das Sichumsehen; Rücksicht“ – ja es steigert sich noch: Respekt bedeute auch „Ehrerbietung; Achtung; Ehrfurcht; Scheu; …“ (Seite 614). Ich bevorzuge die erstgenannten Akzente in Bezug aufs Alltagsleben. Ich habe dieser Tage den „Wind des Respekts“ in meiner Wohngehend gespürt, wo respektvolle Friedenauer Nachbarschaft wehte. Und eine Redewendung aus meiner nord-west-deutschen Herkunft kam mir wieder in den Sinn: ‚Hart am Wind bleiben‘. Lassen wir uns den „Wind des Respekts“ nicht aus den Segeln nehmen! Bleiben wird dran!

Und: Es gibt „Die Herzlichkeit der Vernunft“ (so der Titel eines kleinen Buches mit Dialogen zwischen Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach, das 2017 erschienen ist)!

Gerd Koch

Gerd Koch ist Gemeindemitglied und Erfinder des Akronyms "FriedeNOW".

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