Veröffentlicht am Mo., 20. Apr. 2020 15:00 Uhr

Wie lange kommen Ihnen die letzten Wochen vor? Haben Sie noch ein Gefühl für die Wochentage? Wie verliert man das Besondere, Einzigartige nicht aus den Augen. Wie haben Sie Ostern gefeiert, wie feiert man überhaupt in dieser Zeit? Zum Beispiel den Geburtstag, den 100. noch dazu?

Frau Marianne Genath Geburtstag ist 100 Jahre alt geworden. Sie wurde am 16. April 1920 in Dresden  geboren. Ihr Vater war dort Bühnenbildner. So lernte sie schon als kleines Mädchen viele Künstlerpersönlichkeiten kennen.  Sie heiratete, wurde Mutter und Großmutter. 100 Jahre deutscher Geschichte hat sie erlebt. Die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg, die Zerstörung ihrer Heimatstadt, die Nachkriegsjahre samt Aufschwung, Teilung und Wiedervereinigung, sowie die Finanz- und Weltwirtschaftskrise. Sie musste mehrmals lernen wenig zu haben und viel daraus zu machen. Sie weiß, was es heißt mit Verlusten umzugehen, neu anfangen zu müssen und dass es immer auch eine Zukunft gibt. Am Donnerstag hat sie mitten in der Corona Krise ihren 100. Geburtstag gefeiert. Ich habe sie besucht. 












Sie wohnt im 5. Stock, ich lief die Treppen zu ihr hoch und als ich oben ankam, war ich außer Atem. Frau Genath öffnete mir Tür und noch bevor ich ihr gratulieren konnte,  fragte sie mich, warum ich nicht den Fahrstuhl genommen habe? Auf meine Antwort, das wäre doch ganz gut für meine körperliche Kondition, entgegnete Sie mir, ja das mache ich auch öfters. Nein, man sieht und merkt Marianne Genath die 100 Jahre nicht an. Eigentlich wollte sie ihren Geburtstag im Restaurant feiern, aber jetzt unter diesen Umständen, muss die Feier verschoben werden. Aber ihre Enkeltochter ist bei ihr. Ich überreiche Ihr den Blumenstrauß, wünsche Ihr Gesundheit und Gottes Segen und sage Ihr, dass ich nicht alleine gekommen bin und bitte sie auf Ihren Balkon zu treten.



 










Unten im Hof stehen Bläserinnen und Bläser unseres Posaunenchors und spielen Ihre ein Geburtstagsständchen. Die Nachbar*innen aus den umliegenden Häusern schauen aus dem Fenster und zusammen singen wir: „Viel Glück und viel Segen“ für Sie. 


 










Es ist schön mit zu erleben, wie sehr Marianne Genath sich freut!













Auf dem Nachhauseweg treffe ich Nelly, eine ehemalige Konfirmandin, auch sie hat heute Geburtstag, es ist der zwanzigste. Sie steht mit ihren Freundinnen auf der Straße, eine ganz schöne Versammlung im vorgeschrieben Abstand von 1,5 Metern. In der Mitte Blumen und Geschenke und ich schaue in Nellys glückliches Gesicht als ich Ihr gratuliere.  Ja, denke ich, so schön kann das Feiern des Lebens in dieser Zeit sein, man muss nur das Beste daraus machen. Quasimodogeniti – wie neu geboren! Aufbruch wagen, Vertrauen, Hoffen, Glauben, Lieben. Eine neue Gegenwart bricht an. Wie immer. In dieser krisenhaften Zeit sind wir gut beraten, wenn wir nicht nur durchhalten und hoffen, dass es nachher einfach weiter gehen wird. Vielmehr sollten wir diese Zwangspause nutzen, um unsere Zukunftsbilder neu zu zeichnen. Alle Prognosen der Welt helfen uns gar nichts, wenn wir nicht sehen, was in Zukunft für uns möglich ist. Zukunft ist nichts Objektives. Zukunft ist nicht schon geschrieben. Wir schreiben sie. Wir alle zusammen und mit Gottes Hilfe.

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