Veröffentlicht am Mi., 6. Mai. 2020 08:20 Uhr











In der Feuilleton-Reihe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "Unsere Mütter, unsere Väter" erschien bereits 2013 ein Bericht aus den letzten Kriegsjahren von Ruth Mahr aus Friedenau. 1945 war sie 14 Jahre alt. 1943 aus Berlin evakuiert, gelingt ihr und ihrer Mutter die Rückkehr in der Hoffnung, das elterliche Wohnhaus wieder beziehen zu können.

"Mit Hilfe meiner Mutter und ihrem Überlebensmotto 'Weiter, weiter, nicht denken!' erreichten wir mit allerletzter Kraft die Wrangelstraße Nr. 79 in Berlin-Kreuzberg - und standen vor der Ruine unseres noch im Februar 1945 ausgebrannten Wohnhauses. Wir waren völlig fassungslos. Mehr konnte man nicht verlieren: den Ehepartner und Vater, das in Neudamm verbliebene Hab und Gut und nun auch noch das 'Dach über dem Kopf'. Jetzt war ich es, die meine Mutter zum Weitergehen aufforderte. In der glücklicherweise nicht abgebrannten Kleingartenlaube, mit einer in matschigen Kohlköpfen steckengebliebenen Stabbrandbombe, fanden wir für die nächste Zeit unsere Bleibe."

Aus dieser Zeit schreibt sie uns: 

"Eine Birnbaumgeschichte. Oder: Wie sich Enttäuschung in unaussprechliche Freude verwandeln kann. Ein Wunder, geschehen im Jahr 1945"

Während meiner Kindheit und auch noch bis zum Mauerbau 1961 , hatten wir einen schönen Garten. Mein Vater hatte mich bereits als Kleinkind die Achtsamkeit auf die Pflanzenwelt gelehrt, weil er großer Naturliebhaber war. In diesem Garten also stand auch ein großer Birnbaum, der in jedem Jahr üppig blühte, aber keine Früchte trug.  Mein Vater war im Zwiespalt, einerseits liebte er den Baum, andererseits meinte er, daß der Baum auch Früchte tragen müsse. In jedem Jahr sagte er: Ein Jahr gebe ich ihm noch mal  ´ne Chance, wenn er dann nicht trägt, wird er abgesägt !“  So vergingen die Jahre mit den verpaßten Chancen. Aber im Hungerjahr 1945 geschah das große Wunder: Der Birnbaum trug so viele Früchte, daß sich die Zweige neigten, es war unfaßbar !!  Die Birnen reiften nach und nach, und meine Mutter führte eine Statistik. Sie wog alle geernteten Birnen ab: Sage und schreibe 3 Zentner Birnen !!! Naturaltausch war zu jener Zeit angesagt und meine Mutter tauschte 2 kg Birnen gegen 1 Pfund Brot.

Ein Geschenk des Himmels zum Überleben!

Collagen von Ruth Mahr aus gepressten Pflanzen



Kategorien Nah dran in Friedenau