Veröffentlicht am Sa., 9. Mai. 2020 09:12 Uhr

In diesen Tagen gedenken wir des Endes des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren. Gott sei Dank, wir leben im Frieden! Viele von uns haben selbst nie erfahren müssen, was Krieg bedeutet. Aber die Generation unserer Eltern und Großeltern, verbinden mit dem Wort „Krieg“ ganz andere Erinnerungen. Diese Erinnerungen sind so individuell und persönlich,  dass man gar nicht erst versuchen sollte, sie zu verallgemeinern.

Wie gehen wir mit dem Wissen um die Geschichte und den Erinnerungen daran, mit dem Geschenk des Friedens und mit den vielen geweinten und ungeweinten Tränen um?

Danken, Gedenken, Weiter-Denken. Das ist für mich, ein vorstellbarer Umgang mit diesem Tag. Danken für die Menschen, die dem deutschen Wahnsinn in der Welt damals Einhalt geboten haben. Gedenken der Tränen um die Verletzten, Vergewaltigten, Verstümmelten, Verschleppten, Vertriebenen, Gefangenen, Gefolterten; Tränen um die verlorenen Väter, Söhne, Brüder und Cousins, Freunde und Bekannte, Klassenkameraden und Nachbarn, Tränen um Menschen aller Ethnien, Religionen und Überzeugungen, die durch Deutschland zu Schaden kamen; Tränen um das, was aus unserem Land geworden ist, als Synagogen, Geschäfte, und Getötete brannten und der Mensch des Menschen Wolf wurde; Tränen um die von Hass, Stolz und Wahn Verblendeten;

„Du sammelst meine Tränen in deinen Krug, fürwahr, du zählst sie alle.“ (Psalm 56, 9 )

Weiter-denken will ich mit Euch: Welches Erbe hinterlässt uns dieser Tag, welche Aufgaben stehen für uns an? Wir alle sind aufgefordert, den Frieden weiterzugeben. Wir alle haben die Kraft aufzustehen gegen Unrecht. Wir alle sollten uns dagegen wehren, wenn schon wieder andere zu Sündenböcken der Gesellschaft gemacht werden. Wir alle müssen unseren Kindern und Enkeln den Frieden ausmalen, phantasievoll, bunt und schön, damit ihre Kriegsspiele keine Realität werden. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,21) 

Eigentlich wollten wir mit verschiedenen Veranstaltungen in dieser Woche an das Ende des 2. Weltkriegs erinnern.

Geplant waren eine Lesung mit Michel Hülskemper , ein Foto –Interview- Projekt mit Senior*innen und ein Konzert der Friedenauer Chöre. 



Der Autor Michel Hülskemper grüßt Sie mit folgenden Worten:

„Vater hat nie geschossen“ 

Liebe Friedenauerinnen und Friedenauer,

 „Vater hat nie geschossen“: So lautet ein Satz, der in vielen Familien an die nächste Generation weitergegeben wird. So heißt auch mein Buch, das ich Ihnen gern heute, am 5. Mai, im Rahmen einer Lesung vorgestellt hätte. Worum geht es?

Unsere Väter und Großväter waren Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Darüber gibt es in fast jeder Familie Geschichten, die immer wieder erzählt werden. Die meisten handeln von Hunger und Gefangenschaft, Kälte und Entbehrungen in der Zeit danach. Aber was war vorher?

Dieser Frage bin ich nachgegangen. Ich befragte nicht nur Vater und Mutter, Onkel und Tanten, sondern auch viele andere Menschen, die den Krieg selbst erlebt hatten. Sie übergaben mir Fotos und Dokumente, Orden und Ausweise, Briefe und andere Erinnerungsstücke. Manches davon lag lange Zeit tief verborgen in irgendwelchen Schubladen. Ich recherchierte weiter. Aber am wichtigsten und eindrucksvollsten waren meine Gespräche mit den Zeitzeugen.

„Eine Spurensuche in zwölf Erzählungen über den Krieg und die Zeit danach“, so könnte der Untertitel heißen. Diese Erzählungen sind eine vorsichtige Annäherung an den Gedanken, dass unsere Väter und Großväter vielleicht nicht nur Opfer waren. Sie hatten ein Gewehr in der Hand, sie brachten Kanonen in Stellung, führten Befehle aus. Die Wehrmacht, in der sie dienten, eroberte andere Länder und brachte Leid und Tod. Dieser Gedanke ist schmerzlich – und doch gibt es diese Seite ihrer Biografie.

Die Geschichten und Legenden aus meiner großen Familie sind einmalig und doch typisch für die „Generation Krieg“. Das gilt nicht nur das Schicksal der Soldaten, sondern auch für die Frauen und Mütter jener Zeit. Was sie erlebt haben, wirkt bis in die Gegenwart weiter.

Nun hat uns die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Lesung kann am 5. Mai nicht stattfinden. Sie soll aber nachgeholt werden. Sobald die weitere Entwicklung es zulässt, soll ein neuer Termin verabredet werden.

Wenn Sie wollen, können Sie sich über das Buch hier schon näher informieren:  

Mit guten Wünschen

Michel Hülskemper


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