Veröffentlicht am Mi., 13. Mai. 2020 21:40 Uhr






Als meine Eltern 1954 heirateten und zusammenzogen, sagte mein Vater rigoros: „ein Telefon kommt mir nicht ins Haus!“ Gottseidank konnte er sich gegenüber meiner Mutter nicht durchsetzen und so hatte das junge Paar bereits in ihrer ersten Wohnung ein Telefon- ein so genanntes “Vierteltelefon“. Die Telefonleitung mussten sie sich mit drei anderen Mietparteien teilen, lange Gespräche wurden aus Rücksicht zu den anderen Bewohnern im Haus nicht geführt.

Als ich nach Berlin zog war längst eine eigene Telefonleitung vorhanden, aber die Gespräche ins Ausland noch recht teuer, also mussten wir uns auf das Nötigste beschränken, was wir uns mitteilen wollten.

Längst ist es zur Normalität geworden, dass jeder mindestens ein eigenes Telefon hat, dieses mit sich trägt und (fast) überall erreichbar ist.

Für wenig Geld können wir lange telefonieren, Nachrichten schreiben, Bilder und kleine Filmchen versenden, Gruppen gründen, uns miteinander austauschen. 

Was für eine tolle Erfindung!

In Zeiten der Kontaktbeschränkung können wir Kontakt halten, Kontakte pflegen mithilfe des Telefons. Die aktuellen Telefonlisten der Gruppen, die wir vor einigen Wochen noch besucht haben, sind nun wichtig, gespeichert im Smartphone oder als Zettel an die Küchenschranktür gepinnt. Im Gespräch können wir einander nahe kommen, Nähe schaffen, auch zu den Eigenwilligen, Sonderbaren, Stillen, Vergesslichen und Schüchternen unter uns.

Mindestens ein Telefonat täglich!!

Wir rücken auch als Gemeinschaft zusammen, wenn wir miteinander sprechen, uns austauschen, mitteilen und uns umeinander kümmern. 

In den letzten Wochen, die ich hier in unserer Gemeinde mit vielen Gesprächen mit Seniorinnen und Senioren am Telefon verbracht habe, ist mir wieder einmal klar geworden, dass es „die Älteren“ gar nicht gibt: 60+, das sind mindestens zwei Generationen, keine homogene Gruppe, jeder vierte Deutsche ist über 60; diese Menschen sind so verschieden, wie sie es während ihres ganzen Lebens waren. Dennoch nimmt die Verletzbarkeit mit dem Alter zu, Social Distancing erfahren manche als krankmachende Isolation. Wer keinen Zugang zu Internet hat, keinen PC, kein Smartphone besitzt, ist digital abgehängt – aber ein Telefon besitzt fast jeder!   

Wie gut, dass es die Telefonlisten gibt-… tschüss, wir hören uns!! 



Gute Worte aus der Arbeit mit Seniorinnen und Senioren. Veronika Wolf im Gespräch mit Sup. Michael Raddatz

Kategorien Nah dran in Friedenau