13/04/2026 0 Kommentare
Eine von 15
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# Aus der Gemeinde

Eine von 15
Sabine und Klaus Morawski aus der Ev. Kirchengemeinde Mariendorf-Ost schreiben für den Gemeindebrief ihrer Gemeinde eine Reihe, in der sie die 15 Kirchengemeinden des Ev. Kirchenkreises Tempelhof-Schöneberg porträtieren. Am 23. Februar haben sie unsere Gemeinde besucht. Nachfolgend ein Auszug aus dem jetzt erschienenen Bericht. Den ganzen Bericht gibt es hier zum Download

Unser Besuch führt uns in die westlichste Ecke des Kirchenkreises nach Friedenau. Wenn man vom Bundesplatz oder von der Schlossstraße kommt, springt die rote Backsteinkirche mit dem hohen Turm einem sofort prominent ins Auge. Das war auch schon immer so gewollt, schließlich konnte sich die stolze Gemeinde des 1871 neu gegründeten Villenvororts Friedenau auf die Schirmherrin und Sponsorin Kaiserin Auguste Viktoria beziehen. Der schnell wachsenden,gut situierten und seit 1874 selbstständigen Landgemeinde, die noch zur Kirchengemeinde in Wilmersdorf gehörte, war die alte Dorfkirche Wilmersdorf (Vorgängerbau der heutigen Auenkirche) zu klein und zu weit weg. Ein angemessener Neubau wurde gewünscht.
Die repräsentative Lage auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz passte, den Architekten
suchte sich die Schirmherrin selbst aus, legte an ihrem Geburtstag den Grundstein
und weihte 1893 den neugotischen Prachtbau ein.

Den Namen „Zum Guten Hirten“ trägt die Kirchengemeinde Friedenau übrigens erst seit 1959. Der Namensgeber grüßt schon immer überlebensgroß vom Eingangsportal.
Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude hat bereits viel hinter sich:
Prestige-Objekt des Kaiserhauses, während des Nationalsozialismus frühe Vereinnahmung und innenarchitektonische Umgestaltung im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, nach 1945 provisorische Beseitigung der großen Kriegsschäden, in den sechziger Jahren radikale Modernisierung des Innenraums mit Betonelementen und Weißung der Backsteinflächen, ab 1974 dann Rückbau in Annäherung zum Originalzustand (ohne Kanzel).

Kurz zuvor wurde auch die Überholung und Erweiterung der Schuke-Orgel mit neuem Prospekt in Angriff genommen. Von den schönen Konzerten profitieren nicht nur die Friedenauer; das breit gefächerte Angebot anspruchsvoller Musik
der Friedenauer Musikgruppen hat sich längst herumgesprochen (Programm siehe Homepage).
So viel zur Vorgeschichte, die Gegenwart präsentiert sich jung und lebhaft:
Kinderlachen schallt von der gegenüberliegenden Kita herüber.
Zum Treffpunkt am Montagvormittag vor dem Gemeindehaus kommt Pfarrerin Dr. Scheepers direkt aus der Kirche, wie jeden Montag vom Kindergottesdienst ab 9:15 für die Kita-Kinder und alle Kinder, die zum Mitmachen in einem eigenen Gottesdienst Lust haben. Pfarrer Martins kommt auf dem Fahrrad dazu und beide lassen sich geduldig auf unsere Fragen ein. Mit viel Stolz führen sie ihre gut aufgestellte große Gemeinde vor, die sich seit Februar 2025 als neu gegründeter Pfarrsprengel „Kirche in Friedenau“ drei Pfarrstellen mit der Nachbargemeinde Philippus-Nathanael teilt.
Die traditionelle Kooperation der beiden selbstständigen Gemeinden, zum Bei-
spiel der Kirchenmusik, wird dadurch weiter vertieft und die Zusammenarbeit,
gegenseitige Vertretung der Pfarrer schafft dringend notwendige Freiräume für
deren eigentlichen Aufgaben.

Das burgähnliche Gemeindehaus in Sichtweite gegenüber der Kirche, ist überra-
schend verwinkelt und weitläufig. Drei (!) Gemeindesäle, unglaublich viele und
große Räume (aus Sicht eines Mariendorfers) werden offensichtlich sehr vielseitig genutzt. Vom Keller bis zum Dach wird hier Gruppen jeder Generation die Möglichkeit zur Entfaltung von Gemeindeleben und Kreativität gegeben.
Laut Pfarrer Martins verfolgt die Gemeinde den Anspruch „von der Wiege bis zur
Bahre“ allen mit Zuwendung gerecht zu werden, was aus Besuchersicht auch gut
gelingt. Die vielen Angebote gehen ganz überwiegend auf Ideen und Engagement
der vielen Ehrenamtlichen der Gemeinde zurück, koordiniert von einer Senioren-
beauftragten, einem Jugendbeauftragten, einer Kantorin, ggf. Honorarkräften bei
Bedarf. Die regelmäßigen Angebote, die Projekte und Feste werden von vielen
Engagierten in Eigenregie getragen.
Offenbar besteht in der Friedenauer Bürgerschaft traditionell ein starkes Bedürfnis
nach Engagement und Beteiligung an Bürgerinitiativen, sozialen und kulturel-
len Aktivitäten, denen sich die Kirchengemeinde anschließt oder Unterstützung
anbietet, soweit es zum Leitbild der Gemeinde passt.
Gute Beispiele sind:
Anspruchsvolle und sehr breit aufgestellte kulturelle Angebote im Sinne einer
„Senioren-Akademie“; das beliebte „Mittagessen für Senioren und Junioren
(Vorschulkinder der Kita)“ jede Woche; das beispielhafte Kältehilfe-Angebot
des „Nachtcafé“ in den Wintermonaten (Montag bis Freitag ein warmes Essen
in geschützter warmer Umgebung, Kleidung, Hygiene, Beratung und ggf. Ver-
mittlung einer Unterkunft); das alljährliche große Friedenauer Herbstfest für die
Nachbarschaft auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz; die Kooperation mit einer Kore-
anischen Gemeinde (mit eigenem Raum für ihre Gottesdienste und Konzerte im
Gemeindehaus); die Partnerschaft einer engagierten Gruppe mit einer Gemeinde
in Tansania; die Jugendgruppenarbeit …und vieles mehr.
Das alles am Laufen zu halten und nach außen wirksam als Kirche in den
Sprengel auszustrahlen, bedarf sicher einer sehr guten Organisation und vieler engagierter ehrenamtlicher Helfer, aber auch guter Öffentlichkeitsarbeit, die sich in den letzten Jahren mehr ins Internet verlagerte. Der 14-tägig erscheinende „ZGH-Newsletter“ und der Gemeinde-Blog auf der Homepage der Friedenauer haben seit Frühjahr 2025 den gedruckten „ZGH-Journal“ nach Aussage von Pfarrer Martins „bis auf Weiteres“ ersetzt, weil für einen Gemeindebrief in Papierform die personellen Ressourcen fehlen.
Es gibt mehrere Schaukästen, viele ansprechende Flyer und Prospekte – aber dem Friedenauer Gemeindemitglied auch fortgeschrittenen Alters wird das Lesen im Internet durchaus zugetraut. Es gibt ja „notfalls“ auch ein ehrenamtliches Bera- tungs- und Unterstützungsangebot „Neue Medien“ jeden Mittwochvormittag im Matthias-Claudius-Saal des Gemeindehauses (was für eine tolle Idee!).
So viel bewundernswertes Gemeindeleben in komfortablen Räumen, man könnte neidisch werden…wenn da nicht die Kosten und der Unter- halt der riesigen Immobilie wären! Natürlich plagt auch diese Gemeinde der Investitionsrückstau: die denk- malgeschützte Kirche muss dringend renoviert, die Heizung unter ökologi- schen Gesichtspunkten erneuert und immer wieder Personal (oder Freiwillige) organisiert und motiviert werden. Wir kennen die Probleme, aber das alles mehrere Nummern größer als in Mariendorf-Ost…?!
Wir verabschieden uns voll Ehrfurcht und Anerkennung, wie das alles so gestemmt wird! Vielen lieben Dank, für die tolle und zugewandte Betreuung durch unser Gastgeber-Duo Pfarrerin Scheepers und Pfarrer Martins, die uns viel von ihrer Zeit gespendet haben!
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