"Zeig uns durch deine Passion ..."

"Zeig uns durch deine Passion ..."

"Zeig uns durch deine Passion ..."

# Kirchenmusik

"Zeig uns durch deine Passion ..."

Am Karfreitagabend wurde die bis auf den letzten Platz gefüllte Kirche Zum Guten Hirten zu einem beeindruckenden Resonanzraum für die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Schon der äußere Rahmen verlieh der Aufführung eine besondere Eindringlichkeit: Die Friedenauer Kantorei, das Barockorchester und die Solist:innen (Antje Rux, Susanne Langer, Stephan Gärtner und Tobias Hagge) musizierten und sangen unter der Leitung von Kantorin Svenja Andersohn vor dem Kruzifix im Altarraum. Es war keine gewöhnliche Aufführung, sondern ein Moment gemeinsamer Reflexion, getragen von einer spürbaren Ambivalenz.

Die Passion folgt dem Text des Johannesevangelium und zeigt Christus als souveräne, beinahe triumphierende Gestalt, die das Leiden durchschreitet, ohne daran zu zerbrechen. Gleichzeitig sind die pauschalen Zuschreibungen gegenüber „den Juden“, die im Evangelium angelegt und von Bach musikalisch eindrücklich gestaltet sind, unüberhörbar. Gerade nach der Shoa, nach dem 7. Oktober 2023 und in einer Zeit, in der antisemitische Haltungen und Handlungen zunehmen, können diese Passagen nicht einfach unwidersprochen bleiben.

Dass die Kantorin und die Kantorei sich entschieden haben, die Passion dennoch im Text unverändert aufzuführen, war das Ergebnis einer kritischen Auseinandersetzung. Diese wurde vorbereitet, diskutiert und begründet – und bleibt dennoch ein Risiko. Denn die musikalische Wucht, besonders in den Chorpassagen, kann die problematischen Inhalte verstärken, statt sie zu brechen. Man sitzt als Zuhörende:r im Raum und merkt, wie nah beides beieinanderliegt: das Mitgerissenwerden durch die Musik und das Unbehagen über das, was sie transportiert.

Die musikalische Gestaltung an diesem Abend legte diese Spannung offen. Die Turbachöre traten scharf und drängend hervor, während Arien und Choräle das Geschehen immer wieder anhielten und eine andere Perspektive eröffneten. In diesen Momenten verschob sich die Aufmerksamkeit weg von den Zuschreibungen hin zur Frage nach Schuld und Verantwortung des Einzelnen.

So bleibt dieser Abend nicht einfach als Aufführung in Erinnerung, sondern als Erfahrung am Karfreitag, die sich nicht einfach auflöst. Am Ende gab es – wie erbeten – keinen Applaus. Die Anwesenden erhoben sich von den Bänken: in Achtung vor dem Werk und als Ausdruck des Dankes an die Aufführenden. Darin könnte auch ein stilles Innehalten liegen – verbunden mit der Hoffnung, dass diese Passion ihre Wirkung zeigt in einem leidenschaftlichen Eintreten gegen jede Form von Judenfeindschaft.

pm

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