„Kirche ist ein Garten.“ – Zum Abschied von Pfarrer Peter Martins

„Kirche ist ein Garten.“ – Zum Abschied von Pfarrer Peter Martins

„Kirche ist ein Garten.“ – Zum Abschied von Pfarrer Peter Martins

# Aus der Gemeinde

„Kirche ist ein Garten.“ – Zum Abschied von Pfarrer Peter Martins

Nach neun Jahren als Pfarrer der Gemeinde Zum Guten Hirten verabschiedeten wir Pfarrer Peter Martins in den Ruhestand. Damit endet zugleich eine lange und vielfältige berufliche Laufbahn: Nach Stationen in verschiedenen Berliner Gemeinden, einer wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität, als Pfarrer in der Studierendenseelsorge und als Leiter des Pastoralkollegs unserer Landeskirche führte ihn sein Weg nach Friedenau.

Für die Gemeinde Zum Guten Hirten und den Pfarrsprengel Kirche in Friedenau markiert sein Abschied zugleich einen Generationenwechsel. Der Kollege Wolf Fröhling wird in Philippus-Nathanael und ich in unserer Gemeinde bleiben, und bald wird ein:e neue:r Kolleg:in wieder unser Pfarrteam vervollständigen. Es ist ein guter Moment, zurückzuschauen – und nach vorn zu blicken.

Im Gespräch habe ich Peter Martins gefragt, was von seiner Zeit in Friedenau bleiben wird.

Kirche für Friedenau – und mit Friedenau

Nicht lange überlegen musste er bei der Frage nach seinen schönsten Erinnerungen.

Da ist zuerst das Herbstfest. Für Peter Martins steht es beispielhaft für das, was Gemeinde ausmacht: Kirche mitten auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz, getragen von vielen Menschen, die Verantwortung übernehmen. Kirche für Friedenau – und Kirche mit Friedenau. Die große Bereitschaft zur Selbstorganisation und das Engagement vieler Ehrenamtlicher hätten immer wieder gezeigt, welche Ausstrahlungskraft Kirche im Stadtteil entfalten kann.

Unvergessen bleibt für ihn auch von März bis August 2022 die Organisation einer Notübernachtung im gesamten Gemeindehaus für Geflüchtete des Ukraine-Krieges. Zu Beginn des Projekts war der große Gemeindesaal voller Menschen, die helfen wollten. Ehrenamtliche, Hauptamtliche und viele weitere Unterstützende aus ganz Friedenau zogen an einem Strang. In einer außergewöhnlichen Situation wurde sichtbar, wie Kirche im Kiez funktionieren kann: als Ort praktischer Hilfe, institutionalisierter Seelsorge und gelebter Solidarität.

Ein dritter Höhepunkt war das Jubiläum „150 Jahre Friedenau". Die kommunalen Feierlichkeiten auf dem Breslauer Platz im Juli 2024 waren für ihn mehr als ein Blick zurück. Sie wurden für die Friedenauer Gemeinden zu einem Impuls, gemeinsam zu fragen: Wer sind wir als Kirche in Friedenau? Welche Geschichte tragen wir in uns – und welche Geschichte wollen wir für eine gemeinsame Zukunft weitererzählen?

Orientierung in schwierigen Zeiten

Die größte Herausforderung seiner Amtszeit war die Corona-Pandemie.

„Wir wussten zunächst nicht weiter", erzählt Peter Martins. Doch gerade in dieser Zeit sei es gelungen, gemeinsam nach tragfähigen Antworten zu suchen. Dabei ging es nicht nur um Hygienekonzepte oder digitale Formate, sondern um eine theologische Frage: Was trägt Kirche in außergewöhnlichen Situationen?

Er erinnert sich daran, wie wichtig ihm in dieser Zeit die Gedanken der Barmer Theologischen Erklärung wurden (die Barmer Theologische Erklärung ist ein wichtiges Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1934. Sie wurde von Vertretern der Bekennenden Kirche verfasst und richtete sich gegen den Einfluss des Nationalsozialismus auf die evangelische Kirche). Die Frage, wie die Kirche ihren Auftrag in einer Bedrohungssituation wahrnehmen und welche Folgen das für die Gestalt des Gemeindelebens hat, musste ganz neu beantwortet, vor allem angesichts der weitreichenden Entscheidungen, die der Gemeindekirchenrat verantworten musste. Gleichzeitig entstand dadurch ein Digitalisierungsschub: Homepage, Blog und digitale Gottesdienste wurden weiterentwickelt und die Gemeinde begann, neu darüber nachzudenken, wie kirchliche Präsenz auch im digitalen Raum aussehen kann.

„Digitalisierung", sagt Peter Martins schmunzelnd, „habe ich mir weitgehend autodidaktisch erarbeitet." Eine Erfahrung, die zeigt: Auch im Pfarrberuf hört das Lernen nie auf.

Ein Raum, der immer neue Geschichten erzählt

Sein Lieblingsort ist die Kirche selbst.

Nicht nur, weil hier Gottesdienste gefeiert werden und Musik in so vielfältiger Weise erklingt. Sondern weil sich hier das Leben der Gemeinde verdichtet: der Aufbau des Weihnachtsbaums, der Gong, wenn die Kitakinder jede Woche zum Kindergottesdienst kommen, die Begegnungen vor und nach den Gottesdiensten, ökumenische Verbundenheit mit der Seonhan Mogza Gemeinde erlebt werden kann.

Aber dieser Raum erzählt nicht nur von den schönen Seiten des Gemeindelebens. Auch Verletzungen gehören dazu – etwa der schmerzhafte Einbruch vor einem Jahr.

Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Bedeutung. Das Kirchengebäude erzählt immer wieder neue Geschichten. Obwohl es seit 133 Jahren das Gesicht Friedenaus prägt und unzählige Male fotografiert wurde, zeigt es sich jedes Mal anders. Es erzählt von glücklichen Zeiten und von Krisen, von gelungenen Wegen und von Irrtümern. So wird es selbst zum Spiegel der Geschichte Friedenaus und seiner Gemeinde.

Das größte Geschenk: die Menschen

Was wird er am meisten vermissen?

Die Antwort kommt ohne Zögern: die Menschen.

„Es ist ein großes Privileg unseres Berufs", sagt Peter Martins, „an den schönsten und an den traurigsten Momenten im Leben von Menschen teilhaben und sie begleiten zu dürfen."

Taufen und Beerdigungen, Hochzeiten und Abschiede, Konfirmationen und Krisen – oft begegnet man denselben Menschen an ganz unterschiedlichen Punkten ihres Lebens. Dieses Vertrauen, das Menschen ihrer Pfarrerin oder ihrem Pfarrer entgegenbringen, empfindet er als eines der größten Geschenke seines Berufs.

Besonders ans Herz gewachsen sind ihm auch die Kinder. Berufsbiografisch schließe sich für ihn ein Kreis: Vom Vikariat an einer Grundschule bis zu den vielen Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen in Friedenau. Dass bei seinem Abschied sogar eine Rede der Teamer:innen gehalten wurde, habe ihn besonders bewegt.

Mit Vertrauen und Mut weitergehen

Welchen Wunsch gibt er der Gemeinde mit auf den Weg?

„Mit Vertrauen und Mut weitergehen."

Die reichen Erfahrungen der vergangenen Jahre seien ein Schatz. Sie könnten davor bewahren, ängstlich zu werden, und zugleich den Mut geben, Neues auszuprobieren. Denn Gemeinde wachse nur, wenn sie sich weiterentwickeln dürfe.

Ein Bild begleitet ihn dabei besonders: „Gemeinde ist wie ein Garten, in dem verschiedene Pflanzen wachsen können." Unterschiedliche Menschen, Frömmigkeitsstile und Traditionen müssten nicht gegeneinanderstehen, sondern könnten sich gegenseitig bereichern. Das gelte auch für den Pfarrsprengel und das weitere Zusammenwachsen von Gemeinden. Gemeinsame Feste, gemeinsame Gottesdienste und gegenseitige Offenheit seien für heterogene Strukturen kein Luxus, sondern lebenswichtig.

„Nehmt einander an“

Zum Schluss frage ich nach seiner Lieblingsbibelstelle.

Sie steht im Römerbrief: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römer 15,7)

Für Peter Martins steckt darin ein doppelter Sinn. „Annehmen" bedeutet, vom Anderen auszugehen, ihn wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Und es bedeutet zugleich, Menschen zu akzeptieren – auch wenn das nicht immer der einfache Weg ist. Das Vorbild dafür ist Christus selbst.

Vielleicht ist dieser Vers deshalb ein guter Leitgedanke über seinen Abschied hinaus.

Lieber Peter, danke für deinen Dienst in unserer Gemeinde und weit darüber hinaus. Danke für deine theologische Klarheit, deine Zugewandtheit zu den Menschen und deinen Mut, Kirche immer wieder neu zu denken.

Wir wünschen dir Gottes reichen Segen für den neuen Lebensabschnitt – und vertrauen darauf, dass die Geschichte unserer Gemeinde weitergeht: mit neuen Menschen, neuen Ideen und demselben guten Hirten.

Pfarrerin Dr. Rajah Scheepers 

 

Nachfolgend die Würdigung des Propstes i.R. unserer Landeskirche, Dr. Karl-Heinrich Lütcke:

Verabschiedung von Peters Martins in den Ruhestand

am 5.7.2026 in der Kirche zum Guten Hirten

Liebe Gemeinde, Ihr verabschiedet heute Euren langjährigen Gemeindepfarrer und habt im Blick, was er für diese Gemeinde geleistet hat. Du lieber Peter, blickst aber auch auf Dein ganzes Berufsleben zurück. Und ich bin heute hier, um Dir auch für den Dienst zu danken, den Du in wichtigen Aufgaben in der Landeskirche geleistet hast. Wir, die Landeskirche, haben Dich im Jahr 2002 zum Studenten-Pfarrer berufen und Dir dann bei der nächsten Station die Leitung des Pastoralkollegs, der Fortbildungsstätte für Pfarrerinnen und Pfarrer anvertraut. Beides waren wichtige und zugleich schwere Aufgaben. Studierende sind kritische Menschen. Da braucht es einen Pfarrer, der das Wissen und die Persönlichkeit hat, um auch über schwierige Fragen mit den Studenten ins Gespräch zu kommen. Und Pfarrerinnen und Pfarrer, die ins Pastoralkolleg kommen, haben hohe Ansprüche – und nicht immer dieselben. Peter Martins hat aus seiner vorhergehenden Zeit an der Universität Wissen und Kompetenzen mitgebracht, die für diese Arbeit ebenso  sind wie die Ruhe, die er ausstrahlt. 

Im Rückblick sehe ich eine besondere Eigenschaft, die da sehr hilfreich war: Neugier, besten Sinne dieses Wortes. Peter Martins interessiert sich für vieles, für neue Entwicklungen in Theologie, Philosophie und Gesellschaft. Er kann begeistert über interessante Lesefunde und neu erschienen Bücher berichten und damit andere anstecken, in der Fortbildung ebenso wie in der Arbeit mit Studentinnen und Studenten. Und genauso wichtig ist Deine Neugier auf die Menschen, denen Du begegnest. Sie merken: Er interessiert sich für uns. Und wenn ich an dieser Stelle eine Verbindung zu Deiner Arbeit hier beim Guten Hirten ziehen darf: Diese Haltung haben auch die Kinder und Jugendlichen gespürt.

Ein Thema möchte ich zum Schluss noch ansprechen. Wenn man so alt ist wie ich, dann hat man schon sehr viele Entwicklungen in der Kirche erlebt. Als ich jung war, wäre es ein schwerer Fauxpas gewesen, bei der Verabschiedung eines Pfarrers nicht auch zu erwähnen, was seine Frau als Pfarrfrau in der Gemeinde geleistet hat. Dann kam die Zeit, in der es immer mehr Pfarrerinnen gab und ein Artikel in der ZEIT die Überschrift trug: „Ich bin eine männliche Pfarrfrau“. Und es konnte vorkommen, dass eine Pfarrfrau, die Ärztin war, etwas pikiert war, wenn sie als Pfarrfrau angesprochen wurde. Und jetzt haben wir heute ein Pfarrerehepaar vor uns, mit unterschiedlichen Rollenverteilungen. Als Peter Martin im landeskirchlichen Dienst war, hat er als „männliche Pfarrfrau“ seine Ehefrau Katharina neben seiner Haupttätigkeit nach Kräften unterstützt (und dabei sicher auch allerhand gelernt für den späteren Dienst hier beim Guten Hirten), und jetzt hast Du, liebe Katharina als Ruheständlerin hier in der Gemeinde wie eine klassische Pfarrfrau mancherlei Aufgaben übernommen und warst für Peter eine große Hilfe, ob als heimliche  Öffentlichkeitsbeauftragte, oder als Planungsreferentin und was man sonst noch nennen könnte. Im 1. Petrusbrief (4,10) steht: „Dient einander, jeder mit der Gabe, die er empfangen ha.“ Und so habt ihr mit Euren Gaben einander gedient, um der Gemeinde zu dienen. Da sage ich auch noch einmal: Danke!

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