10/09/2026 0 Kommentare
Unser Projekt im Land Chagga
Unser Projekt im Land Chagga
# Aktuelles

Unser Projekt im Land Chagga
Im Oktober kommt der Besuch aus Tansania, das Interesse ist groß, und viele in der Gemeinde stellen uns jetzt schon Fragen. Einige davon wollen wir bereits vorab beantworten.
Unsere Schule, so haben wir es stets beschrieben, liegt am Fuß des Kilimanjaro. Der Kilimanjaro ist der höchste Berg Afrikas, ein Vulkan, der als ruhender, noch nicht erloschener Vulkan gilt. Wissenschaftler haben festgestellt, dass der letzte Ausbruch vor ca. 150.000 – 100.000 Jahre zurückliegt. Doch mündlichen Überlieferungen zufolge, soll es noch vor etwa 200-300 Jahren Feuer- und Aschewolken gegeben haben.
Das Gebiet rund um den Berg ist Land der Chagga. Die Chagga gehören zu den größeren Volksgruppen in Tansania. Sie haben eine eigene Sprache und es gibt viele, örtliche gebundene Chagga-Dialekte. Und so ist es selbstverständlich, dass in unseren fünf Partnergemeinden jeden Sonntag auch Gottesdienste in Kichagga abgehalten werden. Vier der fünf Pfarrerinnen und Pfarrer sind Chagga.
Bevor deutsche Kolonialisten in das Gebiet kamen, waren die Chagga Acker-und Viehbauern, aber auch kämpferische Krieger. Erzählungen berichten von Kriegen unter den Chagga-Stämmen, aber auch vor allem Kriege mit den Massai, die die Chagga von der Ebene an die Berghänge vertrieben haben.
Mit der Kolonialisierung kam der Kaffeeanbau ins Land der Chagga. Anders als in Kenia zum Beispiel, konnten sich große Plantagen an den Hängen des Kilimanjaro nicht etablieren. Die Chagga entwickelten ein System, das den Kaffeeanbau in ihre traditionelle Landwirtschaft integrierte: den Anbau auf drei Ebenen. Die oberste Ebene wird von den Bananen gebildet, die zweite von den Kaffeesträuchern, die den Schatten der Bananen brauchen, und auf der untersten Ebene wurde das übliche Gemüse gepflanzt und Kleintiere gehalten. Dabei schufen die Chagga ein erstaunliches Bewässerungssystem mittels Kanälen, das heute noch funktioniert. Wassermangel war an den Hängen des Kilimanjaro nie ein Thema. Erst einige hundert Meter tiefer in der Ebene, wo der Regenwald aufhört und Bohnen und Mais angepflanzt wird, da hat die Dürre, forciert durch den Klimawandel, viele Existenzen bedroht. Der Kaffeeanbau wurde für die Chagga zur hauptsächlichen Einkommensquelle und machte sie extrem abhängig vom Weltmarkt und dessen ständig wechselnden Preisen. Eine Kooperative für die Kleinbauern des Kaffee, die KNCU, fängt mit eigenen Auktionen diese Instabilität etwas ab. Die Bohnenqualität Tanzania Kilimanjaro ist begehrt, die Bohnensorte Arabica wächst hier mit einer Besonderheit: die Kaffeekirsche bildet anstatt zweier Kerne nur eine runde Kugel, genannt Peaberry, aus, die einen besonders sanften, vollmundigen und etwas fruchtigen Geschmack abgeben.
Die Kolonialisierung brachte nicht nur den Kaffee, sondern auch die Unterdrückung und Ausbeutung an den Kilimanjaro. Zwangsarbeit auf Plantagen in den Ebenen, Zwangsabgaben von landwirtschaftlichen Erträgen, Zwangsrekrutierung für den Militärdienst in der deutschen Schutztruppe, Steuern, die die Menschen zwangen für cash zu arbeiten und ihre angestammten Dörfer zu verlassen. Aufstände und Widerstand wurde brutal niedergeschlagen. Wir haben eine Gedenkstätte besichtigt, die an der Stelle errichtet ist, wo fünf Chagga-Chiefs erhängt wurden, weil sie gegen eine willkürlich eingeführte Hüttensteuer protestierten.
Heute ist das Chagga-Land rund um den Kilimanjaro immer noch von der Landwirtschaft geprägt. Es gibt kleinere Handwerks- und Baubetriebe. Aber Industrie und Manufakturen sind in der Ebene angesiedelt. Das zwang viele Frauen und Männer im erwerbsfähigen Alter in die Ebene zu ziehen. Dort entstanden große Ansiedlungen und kleinere Städte ganz neu. In den Dörfern zurück blieben die Alten und die Kinder. Doch einige der Arbeitssuchenden sind inzwischen zu etwas Geld gekommen und beginnen, in die Heimat zurückzukehren. Es werden neue Häuser gebaut, das Handwerk bekommt mehr Aufträge. Und in den Dörfern selbst ist, meist durch kirchliche Initiativen, Infrastruktur entstanden: Kindergärten, Schulen, Krankenstationen sind gebaut worden, oft mit Mitteln von europäischen Partnern. Es gibt Strom – genauso unregelmäßig, wie im Rest des Landes.
Bergsteiger aus aller Welt kommen nach Tansania, um den Kilimanjaro zu besteigen. Ein gute Einnahmenquelle, denkt man, doch die großen Einnahmen aus dem Tourismus kommen in den Dörfern nicht an. Die einzige Möglichkeit, damit Geld zu verdienen – vor allem für die jungen Menschen - ist, sich als Träger für die Rucksäcke und Verpflegung der Bergsteiger zu verdingen. Ein Knochenjob, der kaum über eine längere Zeit ausgeübt werden kann. Pastor Calvin Kessy, einer unserer Gäste, hat dies in seiner Jugend getan.
In Tansania gibt es 120 Ethnien, die Chagga sind eine davon. Der erste Präsident Tansanias nach der Unabhängigkeit, Julius Nyerere, hat geschafft, was andere afrikanische Staatsmänner nicht geschafft haben. Keine Volksgruppe dominiert das Land und damit die anderen, Politik wird nicht von Stammeszugehörigkeit beeinflusst. Die Chaggas sind Christen oder Moslems, oder haben keine Religionszugehörigkeit, wie die anderen Volksgruppen im Land. Am Fuß des Kilimanjaro leben sie friedlich miteinander.
Ruth Pfriem


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